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#NotAllGermans

Immer öfter lese ich wieder über „Deutschenfeindlichkeit“ und „Rassismus gegen Weisse“. 2010 gab es diese Thesen bereits, neu sind sie also nicht. Die Diskussion damals entfachte sich an einem Brandbrief eines Lehrers und Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, beide literarischen Ergüsse würden heute froh von der neuen Rechten bejubelt und als Rechtspopulismus betitelt werden. Auch der Begriff „Fakenews“, oder auch schlicht Lügen, lassen sich auf beide Werke anwenden.

Nach 2010 prägte vor allem Götz Kubitschek, Vordenker der neuen Rechten und massgeblich am Aufbau der Identitären beteiligt, diesen Begriff. Aber auch in Debatten mit linksliberalen, weissen Deutschen fallen die Begriffe immer häufiger, sei es aus Frust über das harte Eintreten der Realität, das Integration nicht eben einfach passiert oder aus einer, schlicht falsch verstandenen, Rassismusdefinition.

Rassismus als Grundbegriff beschreibt die Unterteilung und Diskriminierung aufgrund von Herkunft und phenotypischen (äußerlichen) Merkmalen, sowie vermeintlicher Religion und Hautfarbe. Das als Grundbegriff zu kennen ist, zumindest für das linksliberale Feuilleton, eine Selbstverständlichkeit und es wird sich strikt als Antirassist*in begriffen. Das dem nicht so ist zeigen immer wieder Eklats wie die Blackfacing-Party einer Linkenabgeordneten. Jetzt kommt allerdings das schlimme an der Geschichte: mit diesem Rassismusbegriff wird seit ca. 20 Jahren wissenschaftlich nicht mehr gearbeitet und, zumindest in Deutschland und den USA ist es so, der politische Diskurs ist immer auch Universitätsgebunden. Laut Wikipedia ist die in der „Rassismusforschung“ gängigste Definition die Albert Memmi’s.

Memmi unterteilt seine Definition in Einzelkategorien: 

Differenz

Wertung

Verallgemeinerung

Funktion.

Memmi schreibt, das die bloße Differenz aufzuzeigen, kein Rassismus sei. Rassismus finge an, wo eine negative Wertung und Verallgemeinerung dieser Differenz stattfindet. Als Funktion von Rassismus beschreibt Memmi die Aufrechterhaltung von Macht und Privilegien. Das diese Definition einen „Rassismus gegen weisse Deutsche“ ausschließt, ist vielleicht auf den ersten Blick nicht eindeutig, wird auf den zweiten aber schnell klar. Durch Kolonialisierung, Sklaverei, Imperialismus und Unterdrückung sicherten sich Weisse früh eine angebliche Vorherrschaft der Welt, Schwarze und People of Colour galten als weniger intelligent. Diese Vorherrschaft setzten Weisse mit brachialer Gewalt durch. Diese rassistischen Ressentiments leben bis heute weiter, Rassismus ist Alltag für Migrant*innen, Schwarze und People of Colour. Glaubst du nicht? Hier, Beispiele:

NSU

Freital

Chronik Flüchtlingsfeindlicher Übergriffe

Und das sind nur die Spitzen des Eisbergs dem nicht weisse Menschen in Deutschland ausgesetzt sind, viele Alltagssituationen werden nicht dokumentiert. Oft ist es ein Blick, das festhalten der Wertsachen oder Getuschel hinter vorgehaltener Hand.

Hier ist ziemlich erkennbar das weisse Deutsche in Deutschland, und realistisch gesehen auch global, privilegierter und in einer Machtposition sind, somit widerspricht sich die geltende Rassismusdefinition mit dem Vorwurf des Rassismus gegen sie.

Dazu kommt, das der Vergleich einzelner Diskriminierungserfahrungen (Wenn Ali und Ayshe Frederik verprügelt und ihn „scheiß Kartoffel“ genannt haben als er aus Papas Mercedes stieg) die Rassismuserfahrung nicht weisser Menschen relativiert.

In Deutschland spielt institutioneller Rassismus ebenfalls keine kleine Rolle: in einem Land welches monatlich das Asylrecht verschärft, ein rechtes Terrornetzwerk 12 Jahre vom Staat finanziell unterstützt wurde und in der Zeit mindestens 10 Menschen ermordete, in dem racial profiling Alltag ist, ja wo sogar die UN vorwirft ein Problem mit institutionellen Rassismus zu haben, dort von #notallgermans zu schwadronieren macht mich wütend. 

Ihr seid nämlich Rassist*innen. Wie wir alle, weil wir in einer durch und durch rassistischen Welt aufgewachsen sind. Nur ihr weissen Deutschen lebt es aus und wir erleben es. Unsere Brüder und Schwestern ertrinken im Mittelmeer weil Deutschland den Familiennachzug boykottiert, die Deutschen schieben in Kriegsgebiete wie Afghanistan ab, während in Dresden bis zu 20.000 Pegida-Demonstrant*innen aufmarschieren.

Wenn Täterenkel*innen nicht mehr Täter sein wollen und es trotzdem sind.

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4 Kommentare zu „#NotAllGermans

  1. man könnte sich ggf. mal bisschen den kopf zerbrechen über die simple tatsache, dass es viele deutsche people of color gibt, behinderte, jüdische, linke menschen. einfach irgendwas faseln und nen hashtag davor machen ist leider einfach nicht wirklich ne erklärung für verhältnisse, sondern zeigt nur wie gern man selbst irgendwie sich als davon äußerlich stehend versteht. das ist aber nicht der fall.

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    1. Lustig, sich über die Erfahrungswerte einer deutschen PoC zu echauffieren. An deinem Beispiel zu jüdischen Menschen scheitert es ja auch. Jüdische Rassist*innen gibt es selbstverständlich nicht, Menschen mit Behinderung(en) sind ebenfalls davor gefeit. Frag doch mal deutsche PoC, wie sie Alltagsrassismus wahrnehmen.

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